Rumpelstilzchen
InterpretationDas Märchen von der Müllerstochter und dem zwiegesichtigen Rumpelstilzchen ist eines der häufig erzählten Märchen aus dem Band "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm von 1812. Durch seine Spannung und Aussagekraft überlebt es und ist fest verwurzelt in das allgemeine Volks- und Kulturgut. Es behält seine Aktualität bis auf den heutigen Tag.
Das Rumpelstilzchen gibt es in verschiedenen Völkern und Sprachen, in alten und neuen Fassungen und immer wieder abgewandelt.
- Meist ist es nach dem Zwergwesen benannt "Tim Tit Tot", "Titteliture", oder in der alten Version "Rumpenstünzchen"
- manchmal nach dem Mädchen wie in dem schwedischen Märchen: "Das Mädchen, das Gold aus Lehm und Schüttenstroh spinnen konnte".
Die Interpretationsbreite gerade dieses Märchens fordert alle Märchenfreunde auf es immer wieder zu beleuchten. Es befördert immer wieder neue Schätze ans Licht, die gleich dem Gold, das aus Stroh gesponnen wird vor uns liegt und glänzt wie am ersten Tag.
- Sigmund Freud meinte in Träumen von Frauen häufig "Rumpelstilzchen-ähnliche Männchen" zu finden, sie kämen immer dann wenn guter Rat teuer ist. Sie sind energiegeladen, in der äußeren Gestalt greise und gleichzeitig ungezügelt wie Kinder.
- Der Teufelspakt, der sich häufig in Sagen widerspiegelt, spricht über den volkstümlichen Glauben, dass Zwerge oder Trolle, häufig Kinder stahlen um ihre Rasse und Art fortzusetzen.
- Anne Waiblinger erzählt in ihrer ausführlichen Interpretation über die Heilung einer depressiven Frau, die ihre Gefühle Wünsche und Aggressionen unterdrückte. Um den Forderungen und Prahlereien der Eltern zu genügen.
- Charlotte Bühler sieht einen Reifeprozess vom Mädchen zur Frau. Dabei hilft das Rumpelstilzchen als Repräsentant für die unterdrückten Gefühle, als ein Naturwesen, dass die Frau zu den verborgenen Schätzen in ihrem Inneren führt.
- Für Eugen Drewermann spielt die Ökonomie und die Macht des Geldes die wesentliche Rolle im Märchen.
- Graf Wittgenstein bezieht sich ganz auf den sexuellen Charakter im Märchen, das Stroh ist demnach das Bettlager, das Männlein der Penis und das Gold, das ist wohl der Phantasie überlassen, auf jeden Fall weiß die Müllerstochter nichts davon.
Vier Aspekte des Rumpelstilzchen
Wesen: Es ist männlich und klein, und dennoch ausgewachsen. Durch seine Kleinheit findet es überall Zugang und wirkt ungefährlich. Seine Männlichkeit vordergründig neutral, doch sein energievolles und zielstrebiges Handeln verrät uns auch hier Überraschungen. Sein Alter bleibt uns unbekannt, doch wir ahnen, dass es ein altes Wesen ist. Die schwierige Suche nach ihm und die verborgene Stelle seines Verstecks, "wie ich im Wald, wo sich Fuchs und Has gute Nacht sagen, um die Ecke kam, sah ich an einem hohen Berg ein kleines Haus" führt zu der Annahme, dass es einsam und zurückgezogen lebt. |
Feuer: Mitten im Wald "vor dem Haus brannte ein Feuer, und um das Feuer sprang ein gar zu lächerliches Männchen, hüpfte auf einem Bein und schrie: Heute back ich, morgen brau ich, Übermorgen hol ich der Königin ihr Kind. Ach, wie gut ist, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß!" Das lodernde Feuer scheint weit, es bringt Licht ins Dunkel und schafft Bewusstheit. Das Feuer ist ein Herdfeuer, dessen Hitze zum Kochen, Brauen und Backen verwendet wird. Es ist wie in der Alchemie, wenn Stoffe durch Hitze verwandelt werden.Das Feuer ist energievoll und lebendig und erzeugt Gefühle von Freude, Spannung bishin zur Extase. Das Feuer ist feierlich und heilig wie die Vorbereitung des Männchens auf den Festtag zur Ankunft des Kindes.Feuer bedarf der Begrenzung sonst wird es gefährlich, diese Gefahr ist unmittelbar spürbar, eine Gefahr für das Kind und die Königin. |
Vielgesichtigkeit: Einmal tritt es als Helfer in der Not auf und erzeugt Dankbarkeit, die Müllerstochter ist in seiner Schuld. Dann ist es ein hartherziger Schuldeneintreiber, das die Not des Mädchens ausnutzt, es verlangt ihre Kette, ihren Ring und zuletzt ihr Kind "etwas Lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt." Es ist ein Magier und als solches, ein Alchimist "das Männchen setzte sich vor das Rädchen und schnurr, schnurr, schnurr dreimal gezogen und die Spule war voll" es kann aus etwas völlig Wertlosem Gold machen.Es ist ein Naturwesen, und ein mutterähnlicher Versorger, lebt er doch im Wald und hat Kenntnisse vom Kochen Backen und Brauen. Es wirkt menschlich, menschlicher als der König und der Müller, die beide das Mädchen nur als Mittel zum Zweck benutzen. Aber das Männchen zeigt Mitgefühl indem es der Königin eine Chance gibt und es hat Schwächen, indem es sich letztlich selbst verrät und sich selbst vernichtet.Es ist ein Dämon, und ist "das hat dir der Teufel gesagt", mit dem Teufel im Bunde. |
Namen: Der Name bezeichnet jemanden, gibt ihm eine Identität, meist haben die Eltern den Namen gegeben. Früher drückten Namen auch Stand und Herkunft aus wie "Müllerstochter" oder "Herzog Götz von Berlichingen". Was sagt der Name Rumpelstilzchen aus: Einmal das Rumpeln, im Sinne von Lärm oder Ärger machen, toben und erschrecken und dann das Stilzchen, wie klein, eben nur ein Stilzchen, oder von stehlen und stibitzen. Beim Rumpelstilzchen wird der Name zu einem Passwort, das den Zugang zur Macht öffnet. Ist dieses Passwort geknackt verliert es seine Macht und seine Zauberkraft.Dass es seinen Namen selbst verrät, ist sehr menschlich, zeigt es doch an wie schwer es ist ein Geheimnis für sich zu behalten. |